[Writing Friday] Ein vernachlässigtes Cello erzählt

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Eine Aktion der lieben Elizzy von readbooksandfallinlove

Kurz zur Erklärung: Jeden Freitag werden die Teilnehmer einen kreativen Beitrag veröffentlichen. Dieser basiert auf einem der Themen, die Elizzy im Vorfeld zur Auswahl gestellt hat. Die Regeln, andere Teilnehmer und weitere Themen findet ihr unter dem oben angegebenen Link zu Elizzys Blog.

Das sechste Thema: Ein vernachlässigtes Cello erzählt.


Meine lieben Freunde der Musik, wenn ich mich kurz vorstellen darf, ich bin Buddy. Ich wurde zwar in erster Linie nach Buddy Holly benannt, weil meine Besitzerin seine Musik so gern mochte, aber später erklärte sie mir, dass ich ihr Buddy war, weil wir einfach immer zusammen waren. In unseren guten Zeiten tingelten wir in Berlin von Konzert zu Konzert und ließen die Menge atemlos zurück. Wir wurden gefeiert, wir hatten Fans und zogen das Publikum in unseren Bann wie kein zweiter Musiker mit seinem Instrument. Und ich weiß, dass ich für sie nicht nur irgendein Instrument war. Ich war ihr Buddy, so wie sie meiner war. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ihre schlanken Finger sanft meinen Bogen führten und meinen Saiten die wundervollsten Töne entlockten. Wenn wir musizierten, waren wir eins. Nie wurde sie grob, nie warf sie mich frustriert in die Ecke, nein. Wir waren Partner; wie für einander gemacht und faszinierten und begeisterten unsere Zuhörer mit unserer Leidenschaft und Hingabe. Täglich übten wir, um noch besser zu werden und ich bin mir sicher, dass wir beide die Zeit unseres Lebens hatten. Ich dachte, es würde immer so weitergehen.

Doch die Tage wurden zu Wochen und dann zu Jahren und sie wurde älter. Plötzlich blieben wir immer öfter dem Konzertsaal fern und irgendwann berührte sie lieber den Körper ihres Mannes als meinen hölzernen Korpus. Ich begann sie zu vermissen, wurde eifersüchtig. Und wenn sie sich dann doch wieder Zeit für mich nahm, klang ich vor Verzweiflung so schief, dass sie immer frustrierter wurde. Und irgendwann schenkte sie mir keine Beachtung mehr, weil die Frustration größer war, als das Verlangen zu spielen.

Ich weiß, dass wir irgendwann umgezogen sind, doch von meinem neuen Zuhause lernte ich nur das Wohnzimmer kennen. Irgendwann, als wir schon ein paar Jahre hier wohnten, öffnete sich mein Koffer und sie nahm mich heraus. Liebevoll und wehmütig blickte sie mich an, streichelte über das Holz, die Saiten und den Bogen. Ich konnte kaum glauben, dass all ihre Aufmerksamkeit mir gelten sollte. Und dann machte sie Musik an, setzte sich mit mir  auf einen kleinen Hocker und begann zaghaft zu einem mir unbekannten Lied zu spielen.

Du spieltest Cello…“ sang die raue Männerstimme aus den Lautsprechern und wir begleiten ihn. Erst vorsichtig, so als müssten wir nach all der Zeit erst ausprobieren, ob wir noch zueinander passten und als wir spürten, dass es doch noch klappt, wurden wir energischer und spürten das alte Feuer. Ich war im siebten Himmel und legte mich so sehr ins Zeug! Ich wollte sie nur glücklich machen und trotzdem… Trotz all meiner Bemühungen begann sie plötzlich zu weinen. Sie spielte weiter, wurde grober, von ihrer Zärtlichkeit war nichts mehr zu spüren. Ich gab mir alle Mühe ihr zu gefallen, doch sie tat mir weh und immer und immer wieder begann dieses Lied von vorn und irgendwann gab ich nach. Der Schmerz, als die erste Saite riss, war unerträglich. Nach all der Zeit wollte ich doch nichts sehnlicher, als ihr zu gefallen! Dann riss die zweite und ich heulte laut auf.Es war zu viel. Mit aller Kraft warf sie mich quer durch das Zimmer, brüllte, tobte und weinte dabei so verzweifelt und immer noch lief dieses Lied im Hintergrund.

Tage später erst hob sie mich und meinen Bogen auf. Sie sah so furchtbar unglücklich aus und ich wollte ihr so gern helfen. Ich wollte sie wieder lächeln sehen, doch die Fältchen um ihren hübschen Mund waren so tief, dass man nicht viel Fantasie brauchte, um zu erkennen, wie fest sie die Zähne zusammen biss. Und ich dachte, sie würde mich aufheben, sich bei mir entschuldigen und wir würden es noch einmal miteinander versuchen, doch stattdessen legte sie mich mit finsterem Blick und ohne ein Wort zu sagen in meinen Kasten, schloss den Deckel und das metallische Klicken der Verschlüsse drang gedämpft zu mir. Als ich hörte, wie sie mit mir die Treppe hinunterstieg, hatte ich noch einmal kurz Hoffnung, aber dann wurde es kühl und still um mich herum und ich spürte wie mit der Zeit langsam die klamme Kälte zu mir in meinen Koffer kroch.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, doch nun bin ich hier zwischen all den Instrumenten im Trödelmarkt. Mein dunkler Kasten ist geöffnet, doch niemand hat sich die Mühe gemacht meine Saiten auszuwechseln. Ab und zu tritt jemand zu mir, nimmt mich kurz hoch und betrachtet mich interessiert, doch mein hölzernes Herz ist gebrochen. Meine große Liebe, meine Buddy, sie ist gestorben. Vor ein paar Wochen erst und als man mich im Keller fand, befand man, ich sei zu schade für den Müll. Die Wahrheit ist aber, dass ich nie wieder gespielt werden möchte und ich gebe mir alle Mühe, um die Interessanten zu verschrecken. Buddy, du hast mich aus deinem Leben ausgesperrt, dabei wollte ich doch nur dich. Ich wollte immer nur bei dir sein und dich glücklich machen. Buddy, du warst eine Göttin für mich.


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15 Kommentare zu „[Writing Friday] Ein vernachlässigtes Cello erzählt

  1. Hallo Rika, ich muss vorab mal sagen, dass ich deinen Schreibstil richtig toll finde <3 Die Geschichte ist schön und traurig zu gleich und ich finde es schön das man bei diesem Schreibthema einem Musikinstrument eine Stimme geben kann!
    Hab ein tolles Wochenende!

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Elizzy,
      vielen Dank für das tolle Kompliment! Das bedeutet mir viel!
      Deine Themenauswahl ist einfach richtig toll und es macht unheimlich Spaß mit euch solche Texte zu verfassen!
      Die Aktion ist genial! ❤️
      Ich wünsche dir auch ein tolles Wochenende!

      Liebst,
      Rika

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Rika,
    dein Text liest sich wirklich fantastisch. Buddy wirkt richtig lebendig auf mich und ich konnte ihn zu Beginn des Textes bis zum Schluss gut verstehen. Er hat wirklich Charakter.
    Schade, dass er nun auf dem Trödelmarkt gelandet ist.
    LG Janika

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Rika,

    wow, das ist wirklich ein sehr gefühlvoller, emotionaler Text, den du da geschrieben hast. Er gefällt mir sehr gut und ich konnte richtig mitfühlen, wie das Cello empfindet. Trotz des traurigen Endes finde ich deinen Text großartig.

    Liebste Grüße
    Emma

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Rika,

    oh manno, der arme Buddy. Dein Text ist wirklich Herzschmerz pur! :-( Ich bin gerade schon etwas rührselig, wenn ich mir vorstelle, wie dieses Cello völlig runtergewirtschaftet und mit gebrochenem Holzherzen im Trödelmarkt steht. Aber nichtsdestotrotz ist das wirklich eine tolle Geschichte, wieder mal! :-)

    Liebste Grüße
    Ella <3

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