Fremder Himmel- das kuriose Interview mit Bragi

Ihr erinnert euch an Bragi, Monas Lektor aus Dennis Freys Fremder Himmel? Der, der sie in ihre eigens geschriebene Welt versetzt? Genau den habe ich zum Gespräch gebeten, um ihn euch etwas näher zu bringen. Absolut bekloppte Idee- hätte mir auch vorher klar sein können, aber ein Versuch war es wert…


Bragi streicht mit der flachen Hand über seinen Schreibtisch. Nichts liegt darauf. Nicht mal ein Staubkorn. Obwohl sich auf seinem Gesicht keine Regung zeigt, bekommt man das Gefühl eines düsteren Lächelns, wenn man ihn ansieht. „Es kommt nicht oft vor, dass mich jemand aufsucht der – nun – der nicht völlig unwissend ist. Du hast also von meinem kleinen Projekt gehört?“

Ich räuspere mich und versuche das ungute Gefühl, dass mich plötzlich überkommt, abzuschütteln. „Ähm…ja, hallo erstmal. Wie geht’s denn so?“, beginne ich unheimlich souverän.

Bragi schenkt dir ein schwaches Lächeln, das auf seinen Gesicht schon fast wie ein Zähnefletschen wirkt. „Ah, das Lämmchen hat sich auf einen Fuchs vorbereitet und einen Wolf gefunden“, murmelt er. Dann sieht er dir mit merkwürdig blassen Augen ins Gesicht und findet zu normaler Lautstärke zurück. „Ich gebe nicht viel auf Smalltalk, kleine Rika – das ist etwas, das nur den Menschen gefällt.“ Seine Augen werden auf einen Schlag sehr viel dunkler. „Und du weißt ja scheinbar schon, dass ich nicht in diese Kategorie gehöre. Ich habe die Geburt einer Welt zu beobachten. Einer jungen Autorin zu helfen.“ Beim letzten Wort funkelt wildes Gelächter in seinen Augen, obwohl sich auf seinem Gesicht nichts davon widerspiegelt.

Ich straffe die Schultern, kratze ein wenig Mut zusammen und richte mich in dem Stuhl auf. „Gut, dann kein Smalltalk, Herr Lektor. Du sagst ja expliziert, dass das etwas für Menschen ist. Was bist dann du?“

Diesmal erreicht das Lächeln Bragis Mund. Umspielt seine Lippen wie eine sachte Welle, die über Sand schwappt und sofort wieder versickert. „Das wüsstest du gerne, mhm? Das haben mich schon ganz andere gefragt. Große Denker der Menschheit – und selbst diese waren nicht in der Lage die Antwort zu begreifen. Wir sind die Fremden. Diejenigen, die die Stränge eures Schicksals durchtrennen, um zu sehen wohin euch euer freier Wille führt.“ Die Dunkelheit im Raum scheint mit einem Mal greifbarer zu werden. „Und du? Du weißt etwas. Bist du hergekommen um einen Handel abzuschließen?“

„Du bist das Loch in der Menge, was? Das, was im Augenwinkel erscheint und wenn man genau hinsieht nicht mehr zu erkennen ist? Du gibst dich ja unheimlich geheimnisvoll!“ Ich versuche mich selbstsicher, cool zu geben. „Und nein, kein Handel. Ich versuche nur Antworten zu finden und den Lesern einen klareren Blick auf dich zu verschaffen, also wie wäre es, wenn du deinen Hokuspokus für ein paar Minuten sein lässt und wir uns ernsthaft unterhalten?“

„Ich werde von denen gesehen die mich sehen müssen.“ Er hält plötzlich die blaue Blütendolde eines Rhododendron in der Hand und behält dich genau im Auge, während er mit übertriebener Geste daran riecht. „Einen klaren Blick auf mich gibt es nicht“, sagt er langsam. „Aber ein wenig Verständnis vielleicht?“ Er lässt die Blüten fallen und als sie den Boden berühren, steht ihr inmitten einer Wüste. Die Sonne brennt vom Himmel und das Einzige, das noch an Bragis Büro erinnert, ist der gewaltige Schreibtisch, der jetzt auf den fast weißen Sand steht.

Beeindruckt, aber auch leicht genervt blicke ich mich um. Vielleicht hätte ich meine Sonnenallergie vorher erwähnen sollen, doch ich bezweifle ernsthaft, dass Bragi das interssiert hätte. Also drehe ich mich zu dem Hobbygärtner um und setze möglichst professionell zu meiner nächsten Frage an: „Danke für diese konkrete und leicht zu interpretierende Antwort! Also kein klarer Blick, aber vielleicht zur Abwechslung eine klare Antwort? Mona. Findest du, sie hat ihr Potential zu leiden ausreichend ausgenutzt, um ihre Geschichte voran zu bringen?“

„Mona“ Bragi seufzt und mit einem Mal steht ihr auf dem Marktplatz einer mittelalterlich anmutenden Stadt. Um euch herum sind viele Leute, doch keiner scheint Notiz von euch zu nehmen. Bragi läuft um eine junge Frau herum, die neben einem Berg von einem Mann steht. „Mona“, sagt er erneut. „Ich bin mir noch immer nicht sicher, wohin es mit ihr geht. Sie hat keinen Plan, kein System … Aber vielleicht ist das genau das, was uns zueinander gezogen hat.“

Erstaunt blicke ich mich um. Stehe ich gerade in… nein, das kann nicht sein und das dort neben Bragi können doch niemals… „Bragi, könntest du vielleicht aufhören von einem Setting ins nächste zu beamen? Das verwirrt und ich vergesse sonst meine Fragen!“ Doch meine verräterischen Augen wandern immer wieder zu Ganesch, dem Muskelberg. Tja, auch wenn Mona sich ihren Helden anders vorgestellt hat, bei mir wäre der Barbar auf jeden Fall an der richtigen Adresse! „Außerdem, was meinst du mit „das ist das, was euch zueinander gezogen hat“? Hast du denn die Zusammenarbeit mit Mona als konstruktiv angesehen?“

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„Es sind eure Herzenswünsche die uns aufeinander zu treiben. Kaum zwei von meiner Art haben je die gleichen Fähigkeiten und trotzdem finden verzweifelte Menschen immer den Fremden, der ihnen helfen kann.“ Ein leeres Gesicht, doch du spürst das verschwörerische Zwinkern. „Fast als wäre es ein Gesetz des Universums.“ Zögern. „Was Mona angeht“, er deutet auf die junge Frau neben dem Barbarenkrieger, „sie hat sicher einiges gelernt. Ob es genug war wird sich zeigen. Ich bin es gewohnt, dass Autoren mit meiner Hilfe Welten erschaffen, die auch nach Jahrzehnten noch ihr Publikum verzaubern … aber aus einem Stein mit einem zu großen Makel kann auch der beste Juwelier kein Meisterstück schleifen.“

„Das klingt, als würden große Namen auf deiner Kundenliste stehen. Wen hast du denn noch so unterstützt oder habt ihr Fremden ein Datenschutzgesetz?“ Ich zwinkere ihm zu und erwarte nicht mal eine ernst gemeinte Antwort.

Bragis Augen funkeln. „Welche Welt würdest du gerne einmal besuchen? Wenn sie dir im Gedächtnis geblieben ist, stehen die Chancen gut, dass ich daran beteiligt war.“ Er senkt die Hand und schiebt den blutroten Sessel hinter seinem Schreibtisch zurück, der vor einem Wimpernschlag noch nicht da gewesen ist. Bragi setzt sich. „Und jetzt, da du eine kostenlose Probe meiner Macht erlebt hast: was kannst du mir anbieten, damit ich dich wieder nach Hause gehen lasse?“

Überhaupt nicht großspurig, der Kerl. Hat er mir gerade gesagt, dass er mit J.K.Rowling, Kai Meyer und… warte- was? „Du willst mich nur zurücklassen, wenn ich mich auf einen Handel mit dir einlasse? Bragi, ich bin keine Autorin. Ich blogge! Und apropos bloggen! Aktuell unterstütze ich einen Autor namens Dennis Frey- was würdest du ihm denn raten, wenn du an seiner Geschichte mitwirken könntest?“ Ablenkung! Vielleicht kann ich ihn von seinem Vorhaben ablenken. Ich will nicht mitten auf einem Platz in Monas Geschichte feststecken, während mich ihr verrückter Lektor nur aus seinem Sessel angrinst. Worauf habe ich mich hier nur eingelassen..?

„Vielleicht würde ich ihm raten nicht alleine in ein Büro zu marschieren in dem er ein übernatürliches Wesen vermutet?“ In Bragis Augen wetterleuchtet es erneut, doch dann scheint er doch über deine Worte nachzudenken. „Er spinnt ein großes Netz mit seinen Geschichten. Alles ist miteinander verknüpft – wenn er nicht aufpasst und sich verheddert, wird auch er eines Tages meine Hilfe brauchen.“ Bragi sieht zu Mona hinüber und seine Miene verliert etwas von ihrem scharfen Zug. Gerade legt der Barbar ein Schwert zurück auf den Tisch eines Händlers und macht sich mit Mona auf den Weg, den Platz zu verlassen. „Ich mache dir einen Vorschlag“, sagt Bragi und seine Hände landen klatschend auf der Tischplatte. „Du darfst nach Hause. Alles was ich von dir dafür will, sind neue Welten. Sie entstehen überall, zu jeder Zeit. Wie besonders hartnäckiges Unkraut. Und da selbst ich meine Augen nicht gleichzeitig überall haben kann, wirst du mir die vielversprechenden schicken, über die du stolperst. Was denkst du?“

„Bragi, ich weiß, dass du die Leute gern einschüchterst- gut, kann ich verstehen. Aber ich will keinen Handel mit dir. Ich möchte einfach nur ein paar Fragen stellen, nebenbei einen Tee trinken, den du mir übrigens nie angeboten hast- sehr unhöflich!, und wenn ich damit fertig bin, möchte ich einfach nach Hause gehen. Es ist wirklich freundlich, dass du mir die Möglichkeit gegeben hast mir einen Sonnenbrand zu holen und mir Kaemnor gezeigt hast, aber darum habe ich nicht gebeten. Ich wollte dich näher kennenlernen, auch wenn du als Fremder ungefähr so offen bist, wie die Kirche gegenüber dem Thema Homosexualität.“ Ich seufze genervt. „Lass mich doch bitte einfach nur meinen Job machen! Die Antwort gerade war doch ein toller Start! Dennis und das Spinnennetz aus Ideen also- lass uns dort doch weitermachen! Was würdest du Dennis raten, wenn er genau jetzt an deine Tür klopfen würde?“

Für einen Moment sehen Bragis Augen wie in weite Ferne, dann lächelt er. Lächelt tatsächlich, mit dem Mund! „Vielleicht habe ich es falsch eingeschätzt. Vielleicht hast du deinen Preis gerade schon bezahlt.“ Ihr befindet euch wieder in dem Büro im Hamburger Altbau. Auf dem Tisch steht eine einzelne Tasse Tee. „Wenn Dennis an meine Tür klopft, werde ich ihm raten weiterzumachen. Er kennt seine Welt gut, aber noch nicht gut genug. Jedes Detail, das er festlegt, jede ausgearbeitete Person, die er hinzufügt, gibt seinen Lesern mehr zu entdecken. Und es sind die Entdecker, für die er schreibt.“ Bragi faltet die Hände. „Und einen Entdecker zu ködern ist leicht“, sagt er leise.

So sind wir Menschen programmiert.(2)

Ich bin verwirrt und greife zu der Tasse, während ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Eigentlich möchte ich diesem verrückten Typen keine Angriffspunkte liefern, aber die Neugierde ist zu groß, deshalb kann ich nichts anderes tun, als von meinem Kurs abweichen: „Wie meinst du das, ich habe meinen Preis vielleicht schon gezahlt? Und wie hast du mich denn eingeschätzt?“ Ich nippe an dem heißen Tee. Mhmmm, Sanddorn. Zumindest kann man ihm die Auswahl des Tees bedenkenlos überlassen. „Ich verstehe, dass ein Entdecker leicht zu ködern ist- mich hat er schließlich damit auch gefangen genommen. Aber was ist Dennis dann? Auch ein Erschaffer wie Mona?“

„Nicht dich, kleine Rika. Ich habe falsch eingeschätzt, welchen Wert du mir bringen kannst. Ihr seid alle Erschaffer – und was du erschaffst wird mir bringen, was ich brauche. Mehr brauche ich nicht von dir. Vorerst.“ Bragi sitzt steif wie eine Statue an seinem Tisch und plötzlich stehst du wieder vor seinem Büro, den Griff der Tür in der Hand. Vorsichtig versuchst du ihn zu drehen, doch es ist abgeschlossen. Zwischen den Fingern der anderen Hand hältst du ein Gänseblümchen, das da vorher ganz sicher noch nicht war.

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Na, habt ihr das Gefühl Bragi und die Fremden jetzt besser zu kennen? Wer noch mehr über sie erfahren möchte, sollte auf jeden Fall Dennis‘ Buch lesen!

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12 Kommentare zu “Fremder Himmel- das kuriose Interview mit Bragi

  1. Huhu,
    das Interview ist echt genial geworden!
    Bragi scheint ja jemand zu sein, der aus allem seinen Vorteil ziehen will 🙂 Aber es hat mich definitiv auf das Buch neugierig gemacht. Ich habe es bisher aber nur als e-book gesehen und besitze keinen E-Reader. Gibt es das Buch auch als Papierausgabe?
    Liebe Grüße
    Lee.

    Gefällt 1 Person

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